Wenn es um Klimaschutz geht, stehen vor allem die Luft und das Wasser im Mittelpunkt. Mindestens so wichtig ist aber ein anderer Faktor: der Boden. Er ist als Kohlenstoffspeicher unverzichtbar und gewissermaßen eine natürliche Klimaanlage – um mit technischen Hilfsmitteln die Kühlung zu erreichen, die ein einziger Hektar Boden leistet, wären pro Jahr Energiemengen im Wert von mehr als einer halben Million Euro nötig. Letztlich sind Böden die Grundlage allen Lebens – sie regulieren den Wasserhaushalt, versorgen Pflanzen und Tiere mit Nährstoffen.
Grund genug, dem Boden mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Das geschieht im Landkreis Hildesheim gerade im Rahmen eines überregional beachteten Projektes. Es läuft mittlerweile seit zwei Jahren im Hintergrund, wird begleitet durch die ahu GmbH aus Aachen als Fachbüro und biegt nun auf die Zielgerade ein: Bis Ende des Jahres sollen die Ergebnisse vorliegen. Es geht um kommunale Bodenschutzkonzepte, die derzeit für drei ländliche Gemeinden und eine Kleinstadt im Hildesheimer Land erstellt werden: für Giesen, Harsum, Sibbesse und Elze. Der Kreistag beschloss das Projekt vor zwei Jahren auf Antrag der rot-grün geführten Mehrheitsgruppe. Susanne Weber (Grüne), die Vorsitzende des Ausschusses für Klimaschutz, Umwelt und Hochwasserschutz. verspricht sich viel davon und ist gespannt auf die Ergebnisse: „Ich erhoffe mir einen Leuchtturm-Effekt für den gesamten Landkreis Hildesheim", sagt sie.
Im Kreisgebiet wird ein großer Teil des Bodens landwirtschaftlich genutzt. Besonders fruchtbar ist er in der Hildesheimer Börde, zu der die Gemeinden Harsum und Giesen gehören. In Sibbesse und Elze bietet er ganz andere Voraussetzungen. Um den Boden überall besser schützen zu können, erstellt die ahu GmbH für die vier Kommunen unterschiedliche Karten zu verschiedenen Aspekten der Böden: Karten zu den individuellen Bodenfunktionen, zur regionalen Bedeutung bei der Kühlung und als Kohlenstoffspeicher, zum unterschiedlich ausgeprägten Wasserrückhalt, zur Sturzflutgefährdung, zur Bodenempfindlichkeit (zum Beispiel durch Verdichtung oder Erosion) und zum verborgenen Potenzial, die Klimaresilienz zu stärken.
Das Kartenwerk soll den Kommunen dann eine Orientierungshilfe bei der Planung ihrer weiteren Entwicklung sein: Wo ist Versiegelung unbedingt zu vermeiden? Wo liegen Chancen für eine Entsiegelung? Welche Flächen bieten sich für neue Retentionsflächen zum Hochwasserschutz an?
Die beteiligten Kommunen sollen individuelle Handlungsempfehlungen erhalten. Angepeilt ist, das Angebot möglichst auf alle 18 Städte und Gemeinden auszudehnen. Der Aufwand wäre dann geringer. Ein Ziel ist, den Bodenschutz stärker in Planungs- und Genehmigungsverfahren zu verankern. Wie das in der Praxis funktionieren wird, ist noch offen. „Auf jeden Fall dürfen die Konzepte nicht in der Schublade verschwinden“, betont Weber, von Beruf promovierte Chemikerin. „Wir müssen darauf achten, dass die Ergebnisse nachhaltig sind.“
Schließlich kostet das Projekt zusammengerechnet rund 150.000 Euro, und seit dem Start hat sich die Haushaltslage des Landkreises Hildesheim noch einmal deutlich verschlechtert. Dass sich Bodenschutz im Sinne von Klimaschutz allemal auszahlt, hatte der Hildesheimer Geografie-Professor Martin Sauerwein beim Startschuss vor zwei Jahren mit eindrucksvollen Daten deutlich gemacht. Er wies zum Beispiel darauf hin, dass der Boden etwa zehnmal so viel Kohlendioxid speichert wie die Vegetation und das Treibhausgas dadurch der Atmosphäre erspart.
Der Ansatz zu besserem Bodenschutz, den der Landkreis Hildesheim nun zunächst in den vier Pilot-Kommunen verfolgt, gilt als bundesweit einzigartig. Daher stand er im September auch bei der Jahrestagung des Europäischen Bodenbündnisses ELSA im Hildesheimer Kreishaus im Scheinwerferlicht. Eine Pressemitteilung zu der Tagung weist auch auf die Dringlichkeit hin, die mit dem Thema verbunden ist: „Fachleute schätzen, dass allein in den vergangenen 30 Jahren fast ein Drittel der Böden der Erde so geschädigt wurde, dass sie ihre ursprünglichen ökologischen und auch ökonomischen Funktionen nicht mehr erfüllen können“, heißt es. In Europa seien bereits 60 bis 70 Prozent der Böden nicht mehr in einem guten Zustand, die Hälfte der globalen Ackerfläche gelte nach Berechnungen des World Wide Fund For Nature (WWF) als „degradiert“.
Die kommunalen Konzepte sollen auch öffentlich vorgestellt werden. Unabhängig von den konkreten Konsequenzen hat das Projekt nach Meinung der Ausschussvorsitzenden Susanne Weber schon ein Ziel erreicht: „Es hat das Bewusstsein geschärft, wie wichtig der Schutz des Bodens ist.“