Zwischen Krümeln und Poren – willkommen in der Wohngemeinschaft Boden

(Teil 3: Bodenorganismen und ihr Lebensraum) -

Stellen wir uns eine Wiese mit 20 Kühen vor. In dem Boden unter der Wiese bis knapp 1 m Tiefe gibt es so viele Bodenbewohner, dass sie es gewichtsmäßig mit den Kühen aufnehmen können. Sie sind eben nur wesentlich kleiner. Und je kleiner, desto zahlreicher. Anders veranschaulicht: in einer Handvoll Waldboden tummeln sich so viele Individuen, wie es Menschen auf der Welt gibt. Rein rechnerisch zumindest, genau gezählt hat wohl noch keiner.

Wäre ich ein Bodenbewohner, so lebte ich in den Hohlräumen zwischen den Bodenkrümeln. Boden ist keine feste Masse wie etwa ein Granitblock, sondern körnig-krümelig. Zwischen den Krümeln gibt es Hohlräume unterschiedlichster Größen. Diese bilden ein winziges, schwammartiges „Höhlensystem“, das nimmt ungefähr die Hälfte des Bodenvolumens ein. Größere Poren (das ist der Fachbegriff für die Hohlräume) sind meist mit Luft, kleinere eher mit Wasser gefüllt. Es hinge dann von meiner Körpergröße ab, ob ich eher die luftgefüllten Poren durchstreife oder schwimmend im Porenwasser mein Dasein friste. Die krümelige Bodenstruktur sorgt auch dafür, dass die eindringende Feuchtigkeit nach einem Regen nicht einfach nach unten durchsickert, sondern an den Krümeln haften bleibt. Es gibt eine Anziehungskraft zwischen den Boden- und den Wassermolekülen, die der Schwerkraft im gewissen Maße zu trotzen vermag. Hiervon profitiert insbesondere der Ackerbau in den Lößbörden während Trockenphasen.

Problematisch für mich als Bodenbewohner sind neben ausgeprägten Trockenphasen auch länger anhaltende Überschwemmungen, obwohl ich auch da Überlebensstrategien entwickelt habe (vgl. Harsumer Rundschau Ausgabe Januar 2024).

Als Bodenbewohner brauche ich auch Luft zum Atmen. Ich kann im Boden nicht einfach das Fenster öffnen und frische Luft hereinlassen. Da hilft nur eine Anpassung, um mit möglichst wenig Bodenluft auch in kritischen Situationen überleben zu können. Deshalb geht es mir auch schlecht, wenn ihr bei der Bodenbewirtschaftung oder bei Bauvorhaben mit schweren Maschinen die Luft aus den Krümeln presst, den Boden verdichtet.

So richtig wärmeliebend sind wir Bodenbewohner auch nicht. Wir sind da eher coole Typen. Aber bei richtigem Frost werden die meisten von uns inaktiv. Wobei die einsetzende Eisbildung auch Vorteile mit sich bringt, sie lockert den Boden auf und bildet damit neue Hohlräume, ihr kennt es unter dem Stichwort Frostgare.

Ans Tageslicht schicken wir auch nur die Familienmitglieder, die das gewohnt sind, weil sie da oben in der losen Streuschicht abgestorbener Halme und Blätter aktiv sind und so öfter das Tageslicht zu sehen bekommen. Wir anderen sind ausgesprochen blass und lichtempfindlich und meiden deshalb die Sonne.

Wissenschaftler haben uns Bodenlebewesen unter dem Begriff „Edaphon“ zusammengefasst. Das ist kein Musikinstrument, sondern die Bezeichnung für „die Gesamtheit der im Boden lebenden Organismen“. Dazu mehr in den nächsten Folgen dieser Reihe.

Wofür wir überhaupt „gut“ sind? Eine typisch oberirdische Frage. Wer es noch nicht weiß: wir unterhalten hier unten eine feinteilige und hochspezialisierte Kreislaufwirtschaft. Holen das, was oben an pflanzlichem und tierischem Abfall auf dem Boden zu liegen kommt nach unten, zerlegen es bis in seine Grundbausteine und bieten somit den Wurzeln eurer (Nutz-)pflanzen die leckeren Häppchen, die sie zum Gedeihen (und eurer Ernährung) brauchen. Ohne uns würdet ihr in den abgestorbenen Pflanzen- und Tierresten ersticken, weil dann nichts davon verrotten würde. Das Verrotten, das ist eure Bezeichnung für unsere Arbeit, nämlich die Kreislaufwirtschaft auf und im Boden. Nebenbei bemerkt: wir lagern dabei auch CO2 ein, das mit seinen überschüssigen ca. 5 % unserem Klima mehr und mehr zu schaffen macht.

Bodenleben existiert seit Urzeiten und endet erst, wenn ihr uns mit einer Teerstraße oder Betonplatte, Folien oder Geröllschichten von der Luft und den auf den Boden fallenden abgestorbenen Pflanzenresten oder Tierkadavern abschneidet. Auch der Einsatz diverser Chemikalien durch euch vermag uns zuzusetzen. Wer weiß schon, welche zufälligen Cocktails die verschiedenen eingesetzten Mittelchen da in unserem Lebensraum bilden und wie die auf uns wirken?

Irgendwie ist das Leben im Untergrund dem euren auf der Oberfläche gar nicht mal so unähnlich: alles muss als zusammenhängende Lebensgemeinschaft betrachtet werden. Es gibt fruchtbare Wechselwirkungen und Verdrängung, Räuber-Beute-Beziehungen, Parasiten und Win-Win-Situationen des Zusammenwirkens. Die direkten Umgebungen von Pflanzenwurzeln sind bei uns hotspots unseres Lebens. Zwar konkurrieren wir als Bodenleben mit den Pflanzenwurzeln um Nährstoffe und Sauerstoff, andererseits sondern Pflanzenwurzeln leckere Sachen ab, die uns anlocken. Die Anwesenheit bestimmter Bakterienfamilien stimulieren zum Vorteil der Pflanze deren Wurzelwachstum und helfen ihr, sich gegen im Boden lebende Krankheitserreger zu schützen. Es ist ein Geben und Nehmen, auch zu eurem Vorteil.

Wir als Edaphon freuen uns jedenfalls, dass wir eure Aufmerksamkeit geweckt haben. Denn wir halten sicherlich noch so manche Überraschung für euch parat.

 

Winfried Kauer

 

(Naturschutzverein)

Artikel in der Harsumer Rundschau vom 27.02.2026
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