Exkursion: Wie entwickelt sich der "renaturierte" Bruchgraben?

14.07.2019

(wk) Der ca. 17 km lange Bruchgraben entspringt als Dingelber und Dinklarer Klunkau (Zusammenfluss bei Schellerten) und mündet bei Sarstedt in die Innerste.

 

Früher begleiteten den in einer Eiszeitrinne mäandrierenden, wahrscheinlich fischreichen Bördefluss Auwälder, sumpfige Wiesen und Weiden. Die Landschaft bildete ein natürliches Überschwemmungsge­biet. Den ganzen Sommer hindurch bis spät in den Herbst hinein belebten Viehweiden die busch- und baumreiche Landschaft. Die „Herrenwiese“ mit ihrem heutigen Obstbaumbestand erinnert noch an die ausgedehnten Weideflächen.

 

Das Bruchgrabengebiet von Nettlingen bis Sarstedt hatte schon immer einen wesentlichen Anteil an der Gestaltung des hiesigen Landschaftsbildes.

 

Ab etwa 1850 wurden die Auenbereiche bis auf wenige Restflächen in Ackerland umgewandelt und zur Verhinderung von Hochwasserlagenvertieft und begradigt.

So wirkt der Bruchgraben heute „kanalisiert“ und zeigt nur noch an wenigen Stellen annähernd natürliche, strukturreiche Abschnitte.

 

Trotz ganz überwiegend naturferner Gestaltung handelt es sich um einen aus Sicht des Naturschutzes sehr wertvollen Bereich in der ansonsten ausgeräumten Bördelandschaft. Von Störungen abgeschirmte Bereiche bieten für eine Reihe von Greifvögeln (Rot- und Schwarzmilan sowie Bussard)  wichtige BrutgebieteAuch Nachtigall, Silberreiher (als Wintergast), diverse Entenarten (insbesondere Stock- und Reiherente) und Eisvogel finden hier einen artgerechten Lebensraum.

 

Das Schilfwachstum im Bruchgrabenverlauf verlangt von den zur Unterhaltung des Gewässers Verantwortlichen immer wieder Pflegearbeiten, die wegen der erforderlichen Entsorgung des gemähten Schilfes nicht unerhebliche Kosten verursachen.

 

Um das Schilfwachstum einzudämmen, wurden im Bereich zwischen Stichkanal und Bründeln des Bruchgrabens in den vergangenen Jahren Arbeiten zur Umgestaltung des Gewässers vorgenommen. Parallel zum Flurbereinigungsverfahren Algermissen ist dies auf der Grundlage eines Wasserrechtsverfahrens des Landkreises Hildesheim geplant worden. Den Unterlagen (eine Verbandsbeteiligung des Naturschutzes ist uns nicht bekannt) ist zu entnehmen, dass es Ziel des Verfahrens war, einen Randstreifen südlich des Bruchgrabens in einer Breite von 10m auszuweisen und den Bruchgraben auf einer Länge von rd. 1,5 km und einer Breite von 10 – 60 m „naturnah“ zu gestalten. Es haben erhebliche Bodenbewegungen und Neuanpflanzungen stattgefunden.

 

Die „Wiederbesiedlung“ des nach den Bodenbewegungen verbliebenen „nackten“ Bodens durch Fauna und Flora ist für unseren Verein ein interessanter, weil in diesem flächenmäßigen Ausmaß in unserer Gegend selten zu beobachtender Vorgang. Vereinsmitglieder unserer Ortsgruppe und derjenigen der benachbarten Gruppe Alpe-Bruch suchen die Fläche regelmäßig auf und machen interessante Tier- und Pflanzenbeobachtungen. 

 

 

Seppel Quante berichtete bereits Ende März und im Verlaufe des Monats April vereinsintern über interessante ornithologische Sichtungen in diesem Gebiet. Neben Rotwild beobachtete er im Frühjahr Feldsperlinge, Rohrammer, Schwarzkehlchen, Schaf- und Bachstelzen sowie Flussregenpfeifer, Stockente und Zilpzalp. Von seinen Beobachtungen fertige er nachstehende Fotos:

 

 

 

Wir haben deshalb am 14.07.19 speziell für diese Gegend eine Exkursion geplant und mit zahlreichen Interessierten durchgeführt.

 

Der Bereich des Bruchgrabens unweit Günters Tränke bis zur Bahnlinie wurde begangen (Fotos: S. Quante u. W. Kauer)).

 

 

 

 

 

Folgende ornithologische Beobachtungen wurden anlässlich des Rundgangs notiert (nicht vollständig):

 

 

Buntspecht, Stieglitz, Mönchsgrasmücke, Rot- und Schwarzmilan, junge Teichhühner, Mauersegler, Graureiher, Rotkehlchen, Rohrweihe, Neuntöter, Mehlschwalbe, Turmfalke. 

 

 

Einige Fotos von den Teichhühnern (S. Quante) 

 

 

Von besonderem Interesse waren an diesem Tage jedoch die botanischen Beobachtungen, die Anlass geben werden, diese Exkursion in jährlichen Abständen zu wiederholen, um die weitere Entwicklung des Gebiets zu verfolgen. Die Blühpflanzen ziehen auch die Schmetterlinge an, so zB den Distelfalter (Fotos: S. Quante):

 

 

 

 

Eine systematische Kartierung der Fläche hat nicht stattgefunden. Die insoweit nicht vollständige Beobachtungsliste lautet wie folgt:

 

 

Echte Kamille

(matricaria chamomilla/recutita)

Starker Kamillegeruch; wächst auf Äckern und Ruderalstellen (Korbblütler)

Quecke

(Elymus/Agropyron repens)

Süßgras, Standort: Ödland, Gärten, Äcker)

Raukenblättriges Kreuzkraut (auch: Raukenblättriges Greiskraut genannt) (Senecio erucifolius)

Magerböden, giftig

Gänsefuß

(Chenopodium)

Art nicht näher bestimmt („Ackerunkraut“)

Igelkolben

(Sparganium)

Art nicht näher bestimmt (Wasserpflanze)

Eselsdistel

(Onopordum acanthium)

Wegränder, unbebaute Platze, graufilzige Pflanze

Geruchlose Kamille

(Tripleurospermum inodorum)

 

Äcker, Ruderalstellen

Ehrenpreis

(Veronica)

Art nicht näher bestimmt

Breit-Wegerich

(Plantago major)

Wege, Schuttplätze

Wilde Karde

(Dipsagus sylvestris)

Ufer, Auwälder, Wegränder

Kleiner Orant

(= Kleines Leinkraut)

(Chaenorhinum minus)

„Ackerunkraut“, findet sich heute aber meistens an Straßenrändern, auf Bahnanlagen und in aufgelassenen Steinbrüchen

Bittersüßer Nachtschatten

(Solanum dulcamara)

Feuchte Gebüsche, Auwälder

Kanadisches Berufskraut (Katzenschweif)

(Erigeron canadensis)

Äcker, Kahlschläge, Ruderalstellen

Gewöhnlicher Wolfstrapp

(Lycopus europaeus)

Sumpfige Orte

Schwanenblume

(Butomus umbellatus)

Verlandungszone stehender und fließender Gewässer (in Nds. Gefährdet; RL Nr. 3

Wasserknöterich

(Polygonum amphibium)

Stehende oder langsam fließende Gewässer; Ufer; feuchte Äcker)

Fenchel

(Foeniculum vulgare)

 

Gewöhnliches Bitterkraut

(Picris hieracioides)

Wiesen, Wald- und Wegränder, Ödland

Im Gegensatz zum Löwenzahn sitzt der „Schirm“ (pappus) direkt auf der Frucht;

Wasserdost

(Eupatorium cannabinum)

Feuchte Waldstellen und Kahlschläge, Gräben, Ufer

 

 

 

Die nachstehende kleine Fotogalerie zeigt - in botanischer Hinsicht - den Zustand von 7/2019:

 

Fotos: Quante und Kauer)